Ist das Rauchverhalten in der BUV wirklich wichtig?

Mittlerweile gibt es kaum noch Versicherer, die nicht nach dem Rauchverhalten in der BUV fragen. Als Vermittler fragt man sich dann, wieso das in der Berufsunfähigkeitsversicherung so wichtig ist. Klar ist Krebs auch ein BU-Risiko, aber selbst starke Raucher würden dann eher in höherem Alter die Auswirkungen spüren, oder?
Kontakt Mir kommt es manchmal so vor, als wolle man hier nur nochmal die Handwerker abstrafen, da es hier viel mehr Raucher als unter den Akademikern gibt.

Oder rechtfertigt das Rauchverhalten in der BUV tatsächlich einen Zuschlag für Raucher in der BUV?

Aber ich will nicht mutmaßen, sondern mal einen Rückversicherer fragen… Und Stefan Wittmann sagt:

Zahlreiche empirische Untersuchungen belegen, dass das Rauchverhalten in der BUV und der Gesundheitszustand – und damit auch auf die Wahrscheinlichkeit, berufsunfähig zu werden – in einem engen Zusammenhang stehen. Knapp 30% der Erwachsenen in Deutschland rauchen täglich oder gelegentlich.

Rauchen ist neben unzureichender Bewegung und ungesunder Ernährung ein wesentlicher Risikofaktor für schwere chronische Erkrankungen wie Herz-Kreislauferkrankungen, Atemwegserkrankungen oder Krebs. Jedes Jahr sterben deutschlandweit mehr als 100.000 Menschen an den Folgen des Rauchens – weltweit sind es über sieben Millionen Menschen. Allein in Deutschland belaufen sich die jährlich durchs Rauchen verursachten Krankheitskosten auf über 20 Milliarden Euro.

Werfen wir zunächst einen Blick auf die Ursachen der Berufsunfähigkeit, bevor wir näher auf den Einfluss des Rauchens eingehen:

Rauchverhalten in der BUV

Quelle: Auswertung der Deutschen Rück

Psychische Störungen

Psychische Störungen sind mit steigender Tendenz Ursache bei fast einem Drittel aller Berufsunfähigkeitsfälle.

Es gibt Hinweise darauf, dass Raucher häufiger an Depressionen und Angststörungen leiden. Allerdings ist noch nicht geklärt, ob das Rauchen wirklich die Ursache dafür ist.

Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems und des Bindegewebes

In diesem Bereich hat das Rauchverhalten in der BUV nur einen geringen Einfluss. Statistiken zeigen, dass Raucher weniger Sport treiben, und deshalb eventuell anfälliger für Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems sind. Dies lässt sich aber nicht genau beziffern.

Es gibt Krankheiten, auf die das Rauchen einen negativen Einfluss hat, die aber keine große Rolle bei der Berufsunfähigkeit spielen:

  • Knochenschwund: Raucher erkranken häufiger an Osteoporose (auch Knochenschwund genannt). Dabei sind die Knochen instabiler und brechen leichter.
  • Gestörte Knochenheilung: Einmal gebrochen, heilen Knochen bei Rauchern langsamer. Außerdem kommt es bei Rauchern häufiger zu Fehlern beim Zusammenwachsen.
  • Schlechterer Muskelaufbau: Das Kohlenmonoxid im Zigarettenrauch bindet sich an die roten Blutkörperchen und nimmt dem Sauerstoff seinen Platz weg. Die Muskeln werden weniger gut versorgt.
  • Rheuma: Raucher erkranken häufiger an Rheuma als Nichtraucher, die Wahrscheinlichkeit ist 40 Prozent höher. Einmal erkrankt, verläuft die Krankheit bei Rauchern stärker und die Symptome lassen seltener nach.

Neubildungen

Für Neubildungen (Krebs) ist das Rauchen häufig ursächlich. Beispielsweise ist der weitaus größte Teil der Lungenkrebsfälle auf das Rauchen zurückzuführen. Ähnliches gilt für viele andere Tumorarten. Etwa 85.000 Krebsfälle waren 2018 auf das Rauchen zurückzuführen. Raucher haben eine vielfach höhere Wahrscheinlichkeit an Krebs zu erkranken als Nichtraucher. Hier spielt das Rauchverhalten in der BUV eine große Rolle.

Verletzungen, Vergiftungen

Bei diesen Ursachen spielt das Rauchverhalten in der BUV nur eine untergeordnete Rolle.

Krankheiten des Kreislaufsystems

Rauchen ist eine der Hauptursachen für Herzinfarkte und Schlaganfälle. Es führt zu Arteriosklerose, d.h. Ablagerungen in den Blutgefäßen, vor allem in den Arterien. Dadurch werden die Blutgefäße enger und das Blut fließt schlechter hindurch. Eine weitere Folge sind Herzmuskel-Schäden: Weil die Sauerstoff-Versorgung der Muskeln durch Rauchen schlechter wird, schadet Rauchen den Muskeln. Raucher entwickeln öfter eine Herzschwäche als Nichtraucher. Raucher haben auch ein größeres Risiko für die Bildung von Blutgerinnseln (Thrombose) als Nichtraucher. Auch deshalb ist es sinnvoll, das Rauchverhalten in der BUV abzufragen.

Krankheiten des Nervensystems

Die Wahrscheinlichkeit, an Multiple Sklerose zu erkranken, ist bei Rauchern um etwa 50 Prozent höher als bei Nichtrauchern. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass die Nervenerkrankung unter Rauchern einen beschleunigten Verlauf hat.

Sonstige Krankheiten

Rauchen erhöht die Wahrscheinlichkeit von Lungenkrankheiten. Bei neun von zehn Betroffenen einer COPD (chronisch obstruktive Lungenerkrankung) ist es die Ursache. Auch für Morbus Crohn oder eine Bauchspeicheldrüsenentzündung kann Rauchen mitursächlich sein. Rauchen verdoppelt das Risiko, an Diabetes Typ 2 zu erkranken. Raucher haben generell ein größeres Risiko, krank zu werden und Infektionen zu bekommen, denn Rauchen schwächt das Immunsystem.

Im Übrigen müssen auch elektronische Zigaretten betrachtet werden. Die Deutsche Krebsgesellschaft führt aus, dass elektronische Zigaretten ebenfalls Krebs verursachen können.

Das Rauchverhalten in der BUV korreliert mit dem Sozialstatus. Menschen mit niedrigem Sozialstatus und/oder ohne Schulabschluss rauchen deutlich häufiger.

Das Rauchen hat einen deutlichen Einfluss auf die Gesundheit und ist mitursächlich für maßgebende Krankheiten, die zu einer Berufsunfähigkeit führen. Somit halten wir eine Berücksichtigung des Rauchens in der Prämienkalkulation für sachgerecht.

 

Die interessanten Sachen aus diesem Artikel sind von Stefan Wittmann, Bereichsleiter für die Lebens- und Krankenversicherung bei der Deutschen Rückversicherung. Herzlichen Dank!

 

Über Philip Wenzel 16 Artikel
Über den Autor : Philip Wenzel ist ein bundesweit anerkannter Experte für die private Berufsunfähigkeitsversicherung. Er ist Fachwirt für Versicherungen und Finanzen, Versicherungsmakler und Autor eines Fachbuches über die BU-Versicherung. Außerdem schreibt er für diverse Fachmagazine und ist als Speaker bei Versicherungen und Fachtagungen tätig.

4 Kommentare

  1. Es ist gut belegbar, welche Auswirkungen Rauchen auf die Mikronährstoffversorgung im Körper hat. Deren erhöhter Verbrauch und die daraus resultierenden Mangelzustände sind einer der Gründe, für ein erhöhtes Risiko für diverse Erkrankungen von Rauchern. Hier ist unter anderem die massive Belastung mit freien Radikalen, welche eine regelrechte Kettenreaktion im Körper auslöst, zu erwähnen.

    • Meiner Beobachtung zufolge, ist das in den letzten 2 Jahren gekippt. Mittlerweile nehmen fast alle Versicherer einen Risikozuschlag. Nur bei Akademikern entfällt der Zuschlag bei manchen Versicherern…

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