Erwerbsminderungsrente

Wer und ab wann bekommt man eine gesetzliche Erwerbsminderungsrente?

Deutschland funktioniert ja vergleichsweise gut. Es gibt Arbeitslosengeld I, es gibt Arbeitslosengeld II und es gibt eine sogenannte gesetzliche Erwerbsminderungsrente (EMR). Die EMR leistet eine volle Rente, wenn ich aus gesundheitlichen Gründen keine 3 Stunden mehr dem allgemeinen Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen kann. Und die halbe bekomme ich dann, wenn ich keine 3-6 Stunden am Tag arbeiten kann.

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Der allgemeine Arbeitsmarkt umfasst ne ganze Menge. So ziemlich alles, außer Schon- und Nischenarbeitsplätze und behindertengerechte Arbeitsplätze. Wenn ich also in meinem Job nicht mehr arbeiten kann, darf die Deutsche Rentenversicherung, die meinen Leistungsantrag prüft, mir die Leistung verweigern, wenn ich noch 6 Stunden oder mehr in irgendeinem anderen Job arbeiten könnte.

Dabei ist es zunächst vollkommen egal, ob es in diese Tätigkeit bei mir in der Nähe oder sonst wo in ganz Deutschland einen freien Arbeitsplatz gibt. Wichtig ist, dass es ihn in irgendeinem Bundesland gibt und ich ihn nach Einschätzung der deutschen Rentenversicherung (DRV) noch ausüben könnte.

Dadurch entstehen natürlich viele Möglichkeiten.

Die Deutsche Rentenversicherung (DRV) muss mir auch keine Berufe vorschlagen, wenn sie nicht wollen. Sie muss nur die Anforderungen auflisten. Da steht dann zum Beispiel, dass ich noch 6 Stunden täglich in einem Job arbeiten könnte, bei dem ich keine längere Zeit stehen, sitzen oder in Zwangshaltung arbeiten muss. Welche Beschäftigung das sein könnte, muss ich selbst rausfinden.

Das mit den 3 Stunden täglich ist wörtlich zu nehmen. Wer einmal die Woche 4 Stunden arbeitet, verwirkt den Anspruch auf die volle EMI und erhält nur noch die halbe. Klingt krass, ist aber so. Also gut überlegen, ob ich mal abends einmal die Woche von 18-22 Uhr an der Kasse der Tankstelle sitze, weil mir sonst die Decke auf den Kopf fällt.

Hohe Korrelation zu Erwerbsminderung (nicht BU!)

Dachdecker 51%
Bergleute 50%
Gerüstbauer 47%
Pflasterer 41%

Niedrige Korrelation zu Erwerbsminderung (nicht BU!)

Physiker 4%
Ärzte 4%
Maschinenbauingenieure 5%
Chemiker 5%

(Zahlen von Franke und Bornberg GmbH)

Kann ich noch zwischen 3-6 Stunden arbeiten und erhalte die halbe Erwerbsminderungsrente (EMR), habe ich nach einem Jahr Anspruch auf die volle EMR, wenn der Arbeitsmarkt verschlossen blieb. Mal angenommen, die Deutsche Rentenversicherungsanstalt sagt, ich könne noch 3-6 Stunden irgendwas arbeiten, wo ich nicht lange sitzen oder gehen muss. Ich bewerbe mich bei verschiedenen Museen um eine Stelle als Aufsicht. Aber leider sind alle Stellen schon belegt. Wahrscheinlich mit anderen Erwerbsgeminderten.

Wenn ich ein Jahr lang versuche, einen Job zu bekommen, in dem ich zwischen 3-6 Stunden täglich arbeiten könnte und keinen finde, dann spricht man vom verschlossenen Arbeitsmarkt. Dann erhalte ich ab dem zweiten Jahr die volle EMR.

Kleines und unnützes Wissen am Rande: Wegen dieser Regelung kommt es zu dem Paradox, dass etwa 90% aller neuen Empfänger die halbe Erwerbsminderungsrente beziehen, aber etwa 90% aller Empfänger die volle EMI erhalten.

Und wer es wieder genauer wissen will, kann sich im Sozialgesetzbuch VI, §43 austoben.

Wieviel Erwerbsminderungsrente steht mir zu?

Ich halte die Regelung der gesetzlichen EMR grundsätzlich für in Ordnung. Der Staat trägt nicht das volle Risiko, sondern leistet erst, wenn ich überhaupt nicht mehr arbeiten kann. Übergangslösungen gibt es über Arbeitslosengeld I und Umschulungsmaßnahmen. Was aber echt doof ist, ist die Rentenhöhe.

Ich will nicht groß ins Detail gehen. Wer das will, findet am Ende dieses Abschnittes die Links auf das Sozialgesetzbuch VI. Grob gesagt, ist die Rente wegen Erwerbsminderung genauso hoch wie die Altersrente.
Die Berechnung ist exakt die gleiche.

Und was gemein ist: Ich muss auch den Abschlag in Kauf nehmen. Für jeden Monat, den ich vor Erreichen der Regelaltersgrenze erwerbsgemindert bin, gibt es einen Abzug von 0,3%. Maximal 10,8%. Jeder, der vor dem 62. Lebensjahr erwerbsgemindert ist, kann seine Rente mit dem Faktor 0,892 rechnen.

Nehmen wir das durchschnittliche Gehalt und die durchschnittliche Rente, liegen wir bei der Altersrente bei einem Niveau von etwa 42%. Da wir aber 10,8% abziehen müssen und wir in den letzten Jahren vor der Rente meistens auch am meisten verdienen, liegt das Niveau der Erwerbsminderungsrente deutlich niedriger.

Wir reden also von weniger als 40%. Oder umgekehrt: Eine Lücke von mehr als 60%. Und außerdem geht es hier um die volle Erwerbsminderungsrente. Wer noch 3-6 Stunden arbeiten kann, erhält nur die Hälfte. Dann ist die Lücke bei 80%. Das ist schon heftig.

Selbst wenn die EMI an sich eine gute Sache ist… Ohne eine gute Arbeitskraftabsicherung bin ich finanziell schnell in meiner Existenz bedroht. Logisch, oder? Auch hier dürfen die Wissbegierigen unter euch gern im §64 SGB VI weiterlesen. Dazu braucht ihr aber noch die §§66, 77, 67 und 68.