Ist eine Teilzeitklausel in der Berufsunfähigkeitsversicherung wichtig?

Teilzeitklausel in der Berufsunfähigkeitsversicherung
Teilzeitklausel in der Berufsunfähigkeitsversicherung

Um zu beantworten, ob eine Teilzeitklausel in der Berufsunfähigkeitsversicherung wichtig ist, müssen wir erst mal ein paar Begriffe klären. Aber an dieser Stelle schon mal Hut ab an alle Leser. Ihr scheint es ja wirklich wissen zu wollen. Das Thema ist ziemlich komplex.

Was ist die Teilzeitklausel in der Berufsunfähigkeitsversicherung?

Grundsätzlich ist die Teilzeitklausel in der Berufsunfähigkeitsversicherung sinnvoll. Denn die Berufsunfähigkeitsversicherung prüft den zuletzt ausgeübten Beruf. Wenn ich in Teilzeit arbeite, dann ist es schwieriger, den BU-Grad von 50% über die Arbeitszeit zu erreichen. Denn 50% von 8 Stunden sind 4 Stunden und 50% von 4 Stunden sind 2 Stunden. Eine gesundheitliche Einschränkung muss deutlich schwerer vorliegen, um mich nur noch 2 Stunden arbeiten zu lassen, als 4 Stunden.

Mit vielen Erkrankungen geht eine körperliche Erschöpfung einher. Deshalb ist dieses Problem nicht zu vernachlässig.

Wann greift die Teilzeitklausel in der Berufsunfähigkeitsversicherung NICHT?

Aber die Teilzeitklausel in der Berufsunfähigkeitsversicherung ist nicht immer entscheidend. Denn ich kann den BU-Grad nicht nur über eine Einschränkung in der Zeit, sondern auch über eine Einschränkung im Arbeitsergebnis erreichen. Der Bäcker, der vorher 100 Brötchen geschafft hat und jetzt bei gleicher Arbeitszeit nur noch 50 Brötchen schafft, ist auch berufsunfähig.

In einem extremen, aber gültigem Beispiel, wäre ein Staubsauger-Vertreter, der sich bei einem Unfall das Gesicht entstellt hat, auch dann berufsunfähig, wenn er zu den einzelnen Tätigkeiten seines Berufes noch zu 100% imstande wäre. Allerdings kann er mit dem entstellten Gesicht nicht mehr so sympathisch rüberkommen, weshalb ihn kaum noch Kunden ins Haus lassen. Ein sinnvolles Arbeitsergebnis ist nicht möglich. Also ist er zu 100% berufsunfähig.

In vielen Berufen gibt es prägende Tätigkeiten, die weitere Einschränkungen nach sich ziehen. Ein Versicherungsvertreter, der 10% im Auto zum Kunden fährt und 90% dann berät, Angebote erstellt, mit Versicherern verhandelt und Schäden bearbeitet, ist auch BU, wenn er nicht mehr Auto fahren kann. Und zwar nicht nur zu 10%, sondern vermutlich zu 100%. Denn wenn er nicht mehr zum Kunden kann, muss er auch keine Angebote erstellen usw. .

Diese prägenden Tätigkeiten sind meistens unabhängig von der Zeit, die ich arbeite, wichtig. Und wenn ich diese Tätigkeit nicht mehr ausüben kann, bin ich BU. Ob mit oder ohne Teilzeitklausel in der Berufsunfähigkeitsversicherung.

Was ist Teilzeit? Was ist ein Beruf?

Auch sonst gibt es einige Situationen, bei der die Teilzeitklausel in der Berufsunfähigkeitsversicherung nicht notwendig ist. Das liegt an der Definition des Begriffs „Beruf“ in der BU-Versicherung. Der zu prüfende Beruf sind die Tätigkeiten, die ich mir bewusst ausgesucht habe und die auf Dauer angelegt sind, um meinen Lebensunterhalt zu gewährleisten.

Damit fallen schon mal alle Arbeitszeit-Kürzungen weg, die ich eingehe, um mich um Kinder oder zu pflegende Angehörige zu kümmern. Das suche ich mir unbedingt bewusst aus.

Die Entscheidung zu Kindern mag bewusst sein, aber die Arbeitszeit-Kürzung nehme ich dazu halt in Kauf.

Hier müsste der Beruf so geprüft werden, wie er vorher ausgeübt wurde.

Hinzukäme, dass die Teilzeit hier nicht auf Dauer ausgelegt ist. Dabei ist allerdings umstritten, was „auf Dauer“ bedeutet. Eine versichererfreundliche Interpretation legt einfach eine Dauer von 6 Monaten fest. Das ist aber ziemlich willkürlich und missachtet individuelle Umstände.

Eine andere Interpretation spricht dann von einer dauerhaften Änderung der beruflichen Tätigkeiten, wenn die neue Ausgestaltung den Lebensstandard prägt. Das dürfte in der Regel auch recht schnell passieren. Hier wäre wieder interessant, ob diese Auswirkung freiwillig ist oder nicht.

Hat Corona was mit der Teilzeitklausel in der Berufsunfähigkeitsversicherung zu tun?

Wenn wir uns mal vor Augen führen, was während der Corona-Krise passiert ist, sehen wir deutlich, wann eine Teilzeitklausel in der Berufsunfähigkeitsversicherung eh nicht notwendig ist.

Wer in Teilzeit geschickt wurde, hat das nicht freiwillig gemacht, also müsste der Versicherer den Beruf so prüfen, wie er vor Corona ausgestaltet war. Selbst wenn der Arbeitgeber die Angestellten vor die Wahl stellen würde, ob unbezahlter Urlaub oder Teilzeit, wäre es immer noch nicht freiwillig. Da müssten wir gar nicht mehr prüfen, ob es sich auf den Lebensstandard auswirkt. Das dürfte es nämlich normalerweise tun.

Klar ist aber auch, dass ein Versicherer auch mal einfach behaupten kann, dass er den zuletzt ausgeübten Beruf prüfen muss. Steht ja immerhin so in den Bedingungen.

Im anderen extrem könnte ich auch mal argumentieren, dass ich so lange Teilzeit arbeite, bis meine Kinder in die Pubertät kommen und keine Zeit mehr mit mir verbringen wollen. Das ist ja dann schon mal nicht auf ewig und vielleicht sogar nicht mal auf Dauer angelegt. In diesem Beispiel würde es aber vor Gericht schon interessant werden, was nun dauerhaft ist und was nicht.

Wann greift die Teilzeitklausel in der Berufsunfähigkeitsversicherung?

Um die Verwirrung noch komplett zu machen, gibt es am Markt verschiedene Teilzeitklausel in der Berufsunfähigkeitsversicherung. Da es hier aber noch keine höchstrichterliche Rechtsprechung gibt, will ich nicht zu sehr ins Detail gehen und die einzelnen Klauseln vergleichen. Ich bespreche 3 Ausprägungen und deren Vor- und Nachteile.

In der ersten und einfachsten Version prüft der Versicherer auf Vollzeit, wenn ich wegen Elternzeit oder wegen der Pflege eines Angehörigen in Teilzeit arbeite. Diese Klausel hat nur klarstellenden Charakter, da wir ja schon oben gelesen haben, dass hier so oder so der Beruf in der Ausprägung vor der Teilzeit geprüft werden müsste. Aber es schadet nix, wenn das klargestellt ist. Im Extremfall könnte ja mal ein Versicherer behaupten, der Ehepartner könnte auch in Elternzeit oder pflegen und so versuchen, eine Freiwilligkeit zu unterstellen.

In der zweiten Version wird die gewöhnlich angewandte Praxis im Leistungsfall in verbindliche Bedingungen gegossen. Denn wenn ein Versicherer den Beruf des Hausmannes versichert, dann müssen die Tätigkeiten eines Hausmannes auch in der Leistungsprüfung berücksichtigt werden. Die dazugehörige Teilzeitklausel in der Berufsunfähigkeitsversicherung füllt die Arbeitszeit also mit den Tätigkeiten im Haushalt auf.

Vor allem bei akademischen Berufen dürfte das ein sehr großer Vorteil sein. Denn im Büro sitzen ist körperlich weniger anstrengend als die Treppen zu putzen. Die große Frage, die diese Klausel aber unbeantwortet lässt: Was ist ein Hausmann und was macht er?

Was sind haushälterische Tätigkeiten in der Teilzeitklausel in der Berufsunfähigkeitsversicherung?

Würde mich jemand fragen, dann arbeitet ein Hausmann für jemand Dritten. Wenn ich in einem Single-Haushalt lebe und mich um mich selbst kümmere, dann würde ich mich nicht als Hausmann bezeichnen. Erst wer für einen Partner oder Kinder sorgt, ist ein Hausmann.

Das ist aber nur meine Sicht der Dinge. Keine Ahnung, wie das der Versicherer sieht.

Außerdem ist unklar, was alles zu den Tätigkeiten zählt und was die prägenden Tätigkeiten sind. Ist es ok, wenn ich jedes Jahr den Stromanbieter wechsle? Ist dann die Recherche eine hausmännische Tätigkeit? Wie oft müssen Treppen geputzt werden? Oder Toiletten? Hier können Kontaktallergien die „Berufsausübung“ unmöglich machen.

Das alles müsste irgendwie geklärt sein, um diese Klausel wirklich bewerten zu können. Ich möchte nicht zu sehr meiner Bewertung vorgreifen, aber momentan sind alle Klauseln lieb gemeint. Aber gefühlt irgendwie nicht verbindlich zu Ende gedacht.

Welche Vorteile hat die Teilzeitklausel in der Berufsunfähigkeitsversicherung?

Die dritte Variante ist der zweiten Variante dann überlegen, wenn mein Beruf körperlich anspruchsvolle Komponenten enthält. Hier ist es nämlich so, dass der Versicherer meine Arbeitszeit auf die höchste Arbeitszeit hochrechnet, die ich während der Vertragslaufzeit nachweisen kann. Hier berücksichtigt der Versicherer logischerweise nicht die Tätigkeiten als Hausmann. Gerade das erste Lebensjahr eines Kindes macht Arbeitszeiten von 24 Stunden und 7 Tage die Woche locker nachweisbar. Dass der Hausmann vollkommen hinten runterfällt ist zwar gefühlt nicht in Ordnung, aber innerhalb des Systems eben doch verständlich.

Aber auch ein Selbständiger arbeitet mal ne Zeit 10 oder 12 Stunden am Tag. Aber egal…

Was an diesem System noch auszujustieren ist, ist die Hochrechnung des Teilzeit-Berufes auf die höchste, nachweisbare Arbeitszeit. Was passiert, wenn bestimmte Tätigkeiten überhaupt nicht sinnvoll länger auszuüben sind? Oder wenn Tätigkeiten dann in dieser Hochrechnung sogar unmöglich auszuüben sind? Oder wenn ein Beruf in Teilzeit ausübbar ist, aber in Vollzeit schon mit Beginn der Arbeit BU vorläge. Dann muss der Versicherer leisten und der Kunde kann seinen Teilzeit-Beruf einfach so weiter ausüben?

Bedingungsgemäß ist immerhin schon mal geklärt, dass die Lebensstellung nicht entsprechend hochzurechnen ist.

Ist die Teilzeitklausel in der Berufsunfähigkeitsversicherung wichtig?

Und so kommen wir wieder zu der einleitenden Frage, ob die Teilzeitklausel in der Berufsunfähigkeitsversicherung überhaupt wichtig ist. Wir können uns darauf einigen, dass die Klausel in den allermeisten Fällen kein Nachteil für den Kunden ist. Und wo sie es wäre, müsste dann die normale BU-Klausel greifen. In den jetzt angebotenen Varianten überwiegen die Vorteile für den Kunden. Die Versicherer sollten noch ein paar Dinge klären, um sich nicht beliebig Leistungsfälle einzufangen und so das Kollektiv zu gefährden. Auch insgesamt muss hier noch einiges konkretisiert werden.

In meinen Augen ist die Klausel ein richtiger und wichtiger Schritt. Denn Teilzeit ist in der heutigen Zeit für viele ein wichtiger Baustein der Work-Life-Balance. Ich finde aber, dass dieses Thema am besten höchstrichterlich ausgeurteilt werden sollte, um eine einheitliche und verbindliche Lösung zu schaffen. Im Moment werben einige Versicherer mit einer Teilzeitklausel in der Berufsunfähigkeitsversicherung, obwohl der Anspruch zeitlich begrenzt ist oder an Ereignisse gekoppelt ist. Das schafft nur unnötige Verwirrung.

Aber auch die Versicherer, die das Thema sauber lösen wollen, müssen noch nachlegen, um hier einen sinnvollen und verbindlichen Anspruch für den Kunden zu schaffen.

Über Philip Wenzel 12 Artikel
Über den Autor : Philip Wenzel ist ein bundesweit anerkannter Experte für die private Berufsunfähigkeitsversicherung. Er ist Fachwirt für Versicherungen und Finanzen, Versicherungsmakler und Autor eines Fachbuches über die BU-Versicherung. Außerdem schreibt er für diverse Fachmagazine und ist als Speaker bei Versicherungen und Fachtagungen tätig.

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